Hol dir dein Selbst zurück!

Dein Selbst — was ist das eigentlich? Ist es identisch mit dem Ich, und falls es das ist (wovon ich im Folgenden der Einfachheit halber ausgehe), beantwortet auch das noch nicht die Frage. Eine umfassende Antwort darauf will ich hier gar nicht geben, möchte mich auch nicht mit einer Auswahl der psychologischen, religiösen und philosophischen Texte befassen, die zu diesem faszinierenden Thema bereits en masse verfasst wurden, denn es geht mir um etwas anderes: um die Abspaltung des Selbst von einer Maskierung, die viele Menschen heute für ihr Selbst halten. Wenn ich auf die Straße trete und mich umsehe, ahne ich schon, dass die meisten Menschen gar keine Verbindung haben zu ihrem Selbst. Dass ihr primäres Ziel eher darin liegt, diesem nicht zu begegnen. Diese Flucht vor sich selbst geht einher mit der Unmöglichkeit, eine Beziehung herzustellen zwischen dem Kind, dass sie einmal waren und dem erwachsenen Menschen, der sich aus diesem Kind entwickelt hat. Natürlich sind nicht alle Menschen auf der Flucht, jedenfalls nicht direkt oder nicht nur oder nicht immer. Viele sind wahrscheinlich sowohl auf der Flucht als auch auf der Suche (zu diesen zähle ich mich selbst): Sie durchlaufen Therapien, betreiben Yoga oder Meditation, sind religiös oder spirituell, sind auf die eine oder andere Weise kreativ, und treten auf diese Weise immer wieder in Verbindung mit sich. Aber es ist eine Art Kampf: gegen Zeitnot, Stress, (gesellschaftliche) Anforderungen und Erwartungen, gegen Schmerzen, Erschöpfung, Ängste, Arbeit und Familie. Und nicht zuletzt gegen die allgegenwärtigen Ablenkungen (oder sollte ich sagen: Selbstentfremdungs- und Verblödungsangebote?), die vor allem die (digitalen) Medien bieten.

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Sieht so dein Seelenhaus aus?

Diese Gedanken —  weder komplex noch tiefsinnig, eigentlich eher eine Banalität in einer Gesellschaft, in welcher Smartphones nicht nur so unzählige soziale Anlässe dominieren, sondern für viele der erste Gegenstand sind, nach dem sie morgens greifen und der letzte, den sie am Abend aus der Hand legen — kamen mir mal wieder, nachdem ich diese Woche vor meinem Seelenhaus gestanden, es betreten und mich in einigen seiner Zimmer umgesehen hatte. Ich bin dabei Zeugin geworden von Episoden, an die ich mich zuvor nicht mehr erinnert habe, Geschehnisse aus der Kindheit, die seit den tatsächlichen Ereignissen vor Jahrzehnten in meinem Seelenhaus verschüttet waren. All das hat sich vor meinem inneren Auge abgespielt: Es war eine Reise in die Vergangenheit. Ziel war eine Seelenrückholung mit Hilfe einer spirituellen Lehrerin. Ob die Rückholung des abgespaltenen Seelenanteils geglückt ist, bezweifle ich. Denn ich war nach der Sitzung enttäuscht, ich hatte mehr erwartet, hatte mir mehr erhofft, nämlich nicht weniger als die Konfrontation mit dem, was ich für mein essentielles Trauma halte, für ein Erlebnis, in dem sich letzten Endes all meine Blockaden begründen, vor allem aber die Tatsache, dass ich Zeit meines Lebens unter meinem Potential geblieben bin. Ein Erlebnis, das ich so gut verdrängt habe, dass es mir einfach nicht gelingen will, mich daran zu erinnern. Und im Rahmen der erwähnten Seelenrückholung bin ich diesem Erlebnis wieder nicht auf die Spur gekommen, bin aber statt dessen über einen anderen, ebenfalls abgespaltenen, Teil gestolpert. Was mich dabei wieder fasziniert hat, ist die Begegnung mit mir selbst als Mädchen von sieben Jahren. Tatsächlich ist mir diese Begegnung noch nicht oft gelungen, obwohl es doch so einfach scheint. Schließlich sind das Mädchen, das ich einmal war und die Frau, die ich geworden bin, ein- und dieselbe Person. Ich bin dieses Mädchen (gewesen); es ist doch in mir. Wieso also ist es so schwer ihm zu begegnen? Bis jetzt habe ich immer Hilfe dazu gebraucht: die Hilfe durch eine spirituelle Lehrerin, einen Heiler oder einen Hypnotiseur. Mein Ziel aber ist es, diese Begegnung ohne Hilfe erleben zu können. Sie solange immer erneut zu erleben,  bis ich  wieder eins bin mit dem Kind, das ich einmal war.

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Oder vielleicht so?

Wieso? Weil die Frau, die ich heute bin voller Sorge und Ängste ist. Weil sie sich so vieles nicht zutraut. Weil oft Vorsicht und (Selbst)Zweifel vor der Neugierde, der Entdeckerlust und der Unbefangenheit sind und somit Leben verhindern. Als ich aber mit der Siebenjährigen von früher vor meinem Seelenhaus stand, hatte sie ihre schlimmsten Traumata noch gar nicht erlitten. Sie war all das, was ich heute nicht mehr bin: neugierig, ungeduldig, heiter — und sie fühlte sich so unglaublich leicht. Und diese Anteile möchte ich wieder integrieren.

Dich möchte ich einladen deine Seele als Haus kennenzulernen, dieses Haus zunächst von außen zu betrachten, um es dann zu betreten und dich in seinem Inneren umzusehen. Vielleicht wirst du Erinnerungen oder Menschen begegnen, die du vergessen hast, oder die du nicht erwartet hast. Vielleicht aber wird dich schon allein das Äußere deines Seelenhauses überraschen. Ich zum Beispiel war nicht nur erstaunt darüber, wie klar ich das Haus sehen und dass ich sein Alter einschätzen konnte,  sondern auch darüber, wie klein es war.

Für die Übung (bei der ich, zumindest zu Anfang, den Anweisungen Tania Marias folge, die mich bei der Seelenrückholung angeleitet hat) legst du dich am besten wieder ganz entspannt hin; du kannst sie aber ebenso gut im Sitzen absolvieren. Schließ die Augen und stell dir vor, dass du barfuß auf einem sandigen Weg stehst. Du spürst den Sand unter deinen bloßen Füßen und siehst dich um. Zu deiner Rechten siehst du eine große Wiese voller Blumen: Gänseblümchen, Mohnblumen, Margeriten; vielleicht siehst du noch weitere Blumen. Zu deiner Linken führt der sandige Weg durch die Wiese zu einem großen Rosengarten, auf den du nun zugehst. Du öffnest ein Gartentor und befindest dich inmitten der Rosen. Du siehst ihre Dornen und stellst fest, dass sie alle unterschiedliche Farben haben; du kannst ihren Duft riechen und atmest ihn tief ein.  Wenn du dich an den Rosen satt gesehen und gerochen hast, folgst du weiter dem Weg und erblickst an seinem Ende ein Haus, auf das du zugehst. Wie sieht es aus? Ist es aus Holz oder Stein, groß oder klein, welche Farbe(n) hat es, wie sieht die Tür aus? Wie alt ist das Haus; kannst du sagen, wann es gebaut wurde? Nun stell dir vor, du stehst dort als Kind. Schau an dir hinunter: Wie siehst du aus? Wie sehen deine Füße aus? Wie alt bist du jetzt? Wie fühlst du dich? Und welche Gefühle hast du, wenn du die Haustür anschaust? Bleib noch stehen; öffne die Tür noch nicht.

Stell dir nun vor, dass du in deinem jetzigen Alter neben dem Mädchen oder Jungen von damals stehst. Nimm das Kind bei der Hand. Kannst du die Verbindung spüren? Nun öffne die Tür zu deinem Haus. Wie sieht es dort aus, ist es kalt oder warm, wie fühlt sich der Boden an unter deinen Füßen, wie sieht die Wand aus, ist sie tapeziert oder gestrichen, gibt es Bilder oder Schmuck? Schau, ob es Türen gibt, und wenn du so weit bist, öffne eine der Türen und geh mit dem Kind an deiner Seite in das Zimmer dahinter. Blick dich wieder um. Sind dort Menschen, wenn ja, wer ist es, was tun die Menschen, bist du (als Kind) Teil der Szenerie? Falls nicht, lass jetzt die Hand des Kindes los, so dass es sich zu den anderen gesellen kann. Schlüpf in den Körper des Kindes und erlebe als dieses, was passiert, wie sich die anderen verhalten und wie es dir damit geht.

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So wohl eher nicht, oder doch?

Wenn du genug gesehen hast, kannst du zu deinem erwachsenen Ich zurückkehren, das Zimmer verlassen, so dass ihr wieder, Hand in Hand, in dem (Vor)Raum steht, den ihr zuerst betreten habt. Vielleicht möchtet ihr auch das Haus verlassen; vielleicht aber möchtet ihr eine weitere Tür öffnen und euch ansehen, was sich dahinter befindet. Wenn ihr bereit seid zu gehen, verlasst das Haus, schließt die Tür hinter euch, geht auf dem sandigen Weg durch den Rosengarten zurück zum Gartentor, öffnet das Tor und folgt dem Weg, bis ihr wieder inmitten der Wiese, an der Stelle steht, an der ihr vorhin losgegangen seid. Verabschiede dich von dem Kind. Öffne langsam deine Augen.

Es kann sein, dass im Laufe dieser Reise unerwartete Gefühle , Angst- oder Panikreaktionen, aus dir herausbrechen. Das war bei mir bei den Seelenrückführungen  der Fall, und das ist auch der Grund, aus dem diese unter Anleitung ausgeführt werden sollten. Bei einer Seelenrückholung aber passiert natürlich mehr als ich jetzt hier geschildert habe. Schließlich geht es bei ihr darum, verschütteten Traumata auf die Spur zu kommen, die verdrängt worden sind, damit ein Weiterleben danach überhaupt möglich war. Trotzdem möchte ich dich auf die möglicherweise negativen Gefühle vorbereiten, obwohl ich dir eigentlich eher ein Mittel an die Hand geben will, dir selbst zu begegnen. Sollten aber die negativen Gefühle zu stark sein, brich die Reise nicht ab, indem du die Augen öffnest, sondern rufe dein Krafttier (s. den früheren Eintrag hier oder ruf einen Engel, z.B. deinen Schutzengel) und lass dich von ihm mit dem Kind an deiner Hand sicher aus der bedrängenden Situation zurück vors Haus und in den Rosengarten führen. Dann verlässt du mit ihm, wie oben beschrieben, auch den Garten, kehrst den Weg zurück, verabschiedest dich von dir als Kind und öffnest erst dann die Augen.

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Und erst recht nicht so, oder 😉

Ich wünsche dir augenöffnende Begegnungen mit dir selbst.

 

 

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Ein Kommentar zu „Hol dir dein Selbst zurück!

  1. Liebe Feodora,
    Seelenhaus
    selbstredend selbst
    betrete ich es
    wer bin ich darin
    alle?

    Seelenhaus
    viel Räume
    viele Mal Ich
    in unterschiedlichem Alter immer
    ich?

    Seelenhaus
    Mut hineinzugehen
    die Tür zu öffnen
    mich zu finden wieder
    finden

    Seelenhaus
    manachmal selten
    begegne ich einer
    anderen Seele traut sich
    gesehen

    Danke für deinen Text,
    Mia

    Liken

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